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Stille

Stille

Meine Seele ist Stille zu Gott, der mir hilft. Ps. 62.2.
Ich weiß nicht, welches Verhältnis Sie zur Stille haben. Vielleicht tasteten Sie beim Lesen dieses Bibelverses ja schon mit der einen Hand nach der Fernbedienung: Mit Musik geht alles besser. Und so muss sich dieser Text gegen 85 Dezibel Quadro-Sound durchsetzen. Zugegeben, Stille kann etwas schreckliches sein, etwas unangenehmes.
Bei uns hingegen ist mit steigender Kinderzahl auch ein steigendes Interesse nach einem Moment der Stille ausgebrochen. Einen Moment Ruhe im Tagesablauf, ohne dass einen der eine dauernd an den Klamotten zu Boden zieht, während die andere vorsichtshalber schon einmal sirenenartig krakeelend auf ihre in einer Stunde stattfindende Raubtierfütterung hinweist. Einmal auch nur eine winzige halbe Stunde lang im Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzen, ohne dass eine Elefantenherde den Hausflur niedertrampelt.
Mal ganz gelöst und gemütlich am Küchentisch sitzen ohne dieses ständige Erheben der Stimme: "Lass das! Nein, nicht an der Tischdecke ziehen! Man kann den Teller nicht umdrehen. Geh vom Salzstreuer weg!"
Die Chance, Besuch zu empfangen, weil man dessen Klingeln auch hört und diesem öffnen kann. Ein gemütlicher Abend bei Kerzenschein, den man nicht alle 3 Minuten erneut entzünden muss, weil er dem Überschallgetöse des Nachwuchses nicht standhalten kann und jedes Mal vor Schreck erlischt.
Kinderkriegen heißt: die Bereitschaft zu entwickeln, auf alle dies verzichten zu wollen. Kinderhaben ist das Bemühen, auch bei 75 Dezibel Dauerbelastung, bei nächtlichen Schreiattacken und tagtäglichem Gebrülle noch glücklich werden zu können.
Aber manchmal geschieht es, dass meiner Frau und mir ein solcher Moment holder Stille vergönnt ist. "Schau mal nach, was er macht!", sagt einer von uns beiden dann nach spätestens zwei Minuten. Eine kaputte Kaffeemaschine, ein paar befleckte Tischdecken und eine mit Butter wie sonst nur ein Backblech eingeriebene Wildlederjacke lehrten uns: Wenn er so still ist, stellt er etwas an.
"Meine Seele ist stille . . . ", sagt der Psalmbeter. Hier ist nicht diese trügerische Stille gemeint, nicht die Totenstille, auch nicht die Stille der Angst.
Diese Stille hat eine Richtung: "Meine Seele ist Stille zu Gott". "Seid mal still!", sag ich den Kindern oft, wenn ich mal wirklich etwas davon verstehen will, was mein ehepartnerliches Gegenüber - wie am wilden Auf und Ab ihres Mundes zu vermuten ist – mir scheinbar zu sagen versucht. Aber dauernd redet jemand dazwischen. Und dann konzentriere ich mein ganzes Ohr in diese eine Richtung, auf eine bestimmte Schallquelle zu.
Diese konzentrierte Stille darauf, was der andere zu sagen hat: Ganz Ohr sein - diese Stille ist gemeint. In dieser Stille betet der Autor des Psalms.
Auf dieser Stille in Richtung auf Gott, die die Nebengeräusche meines Lebens stummschaltet, liegt großer Segen. In dieser Stille liegt große Kraft. Eine Stille, in der ich still werde, in der ich aus dem Lebensrhythmus komme, anhalte, ganz Ohr werde, alles andere stumm schalte - damit Gott redet, damit Gott helfen, helfend und rettend in mein Leben hineinreden kann. Ich möchte es ihnen sagen: "Sei mal still! Sei mal ganz Ohr".

(c) Thomas Ehlert,