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Jagt dem Frieden nach

Jagt dem Frieden nach

Die Wirtschaft unseres Landes muss angekurbelt werden. Der private Konsum muss wieder steigen. Unsere Regierung jedoch tut nichts anderes als alle Jahre wieder nach heftiger Diskussion die Ladenöffnungszeiten ein Stündchen auszudehnen, getreu der Logik, wer mehr Zeit zum Einkaufen hat, hat auch mehr Geld, es auszugeben. Das eigentliche Problem wird seit Jahren verkannt. Meine Überzeugung: Der Konsum und die private Nachfrage können nur durch eine Abschussfreigabe für Tauben in den Innenstädten nachhaltig verbessert werden. Die Tauben sind die eigentlichen Bremsen der Konjunktur.
Nehmen wir den letzten Freitag. An einem grauen Novembertag wurde es mir endgültig zu lästig, meine mir wöchentlich zustehende, frische Hose am frühen Morgen trockenzubügeln, da sie doch erst in einem nächtlichen Waschgang vom verschwitzten Beinkleid Frische getankt hatte. Eine zweite Hose müsste her.
Nun gehe ich eigentlich lieber alleine einkaufen. Nur bei Hosen stoße ich an meine Grenzen.
Das liegt daran, dass ich mir die meine Hosenkonfektionsgröße nun mal einfach nicht merken kann und bisher alle meine Versuche die Hosenindustrie davon zu überzeugen, eine Nummer mit meinem Körpervolumen mitwachsen zu lassen, fehlgeschlagen sind.
So heißt es dann: Hose nehmen, ab in die Kabine, Mantel, Schuhe, alte Hose aus - in die neue Hose rein, aber nur halb, diese ist zu klein. - Neue Hose aus. Alte Hose, Schuhe, Jacke an, halt, Brieftasche nicht vergessen! Raus zum Ständer Hose hin, Hose her. Das Gleiche von vorne. Das wäre das Leben ohne meine Frau. Spätestens beim Hosenkauf erweist sich die Frau an meiner Seite, reinreichend, hosenholend und nachfragend als unverzichtbar.
Leider kann, wer seine Frau mitnehmen will, die Kinder nicht alleine lassen. Also, alle Mann rein ins Auto, Papa kriegt ne neue Hose.
Und jetzt komme ich wieder auf die Tauben zu sprechen. Diese lauern als Großstadtpiraten auf jedem Fußgängerzonenquadratmeter auf Beute. Zur Freude meiner Tochter Laura. Denn die lauerte ab nun auf die lieben Täubchen. Kaum hatte sie eines davon gesehen, tappelten ihre Füßchen in die entsprechende Richtung, die - muss man es eigentlich noch sagen - meistenteils genau entgegengesetzt zu Papas neuer Hose lag.
Um kurz nach halb acht hatten wir also taubenjagend den Hosenhändler erreicht. Dessen Geduld und Ladenschlusszeit, reichten jedoch nur bis zur dritten anprobierten Hose. Zu wenig für einen Mann, der seinen Bauch liebt. Darum also mein Motto:
Steigerung der Konjunktur,
übers Taubenschießen nur.
Nun möge man mich nicht für einen Taubenfeind halten. Im Gegenteil. Im tiefsten Herzen bin ich froh, dass meine kleine Tochter den Tauben hinterherrennt. Besonders froh bin ich natürlich dann wenn meine Frau ein paar neue Schuhe braucht und der Kinderwagen nach satten 4 Std. Karstadt, Quelle, einem Tieflader gleicht. Da ist mir das Taubentier auf der Straße allemal lieber als das teure Bustier in der Tüte.
Aber nicht nur das, auch sonst ist mein Herz von väterlichem Stolz erfüllt. Ist ihr Vater nicht in seiner Jugend auch den Tauben hinterhergerannt. Hat er denn nicht plakatetragend mitgeschrien auf den großen Friedensdemos Anfang der Achtziger. Hat er nicht die Friedenstauben freisetzen wollen und musste bei den Politikern leider nicht die Taube, sondern nur taube Ohren registrieren. „Jaget dem Frieden nach“ heißt es in der Bibel...
Und mein Schatz, was machst du anders, wenn du den Friedenstauben hinterhertappelst.. Andere Menschen hasten vorbei. Auf der Suche nach neuem Konsum, nach Profit, nach neuen Hosen. Die Friedenstauben haben sie nicht im Blick. Statt Friedenstaube eher friedensbetäubt.
Und dich kleine Friedenskämpferin auch nicht. Oft drohst du überrannt zu werden. Du läufst nicht mit dem Strom, sondern im Zickzackkurs durch die Einkaufszone. Aber auch du hast ein Ziel. Die Friedenstauben im Visier. Vielleicht ist das die Jagd unseres ganzen Lebens, die Jagd nach Frieden.
Darum, gib nicht so schnell auf! Manchmal kommst du so nah ran an dein Ziel und dann lachst du schon und freust dich und im letzten Moment entwischt das Friedenstäubchen deinen kleinen Händen. Auf und davon. Und für deine kleinen Beinchen ist es ein weiter Weg bis dahin, wo sie sich niederlässt. So ist das wohl mit dem Frieden. Versuch den Frieden zu packen. Eigentlich wünsche ich dir das, dass du dein ganzes Leben lang den Tauben auf den Versen bleibst und mir wünsche ich das auch.

(c) Thomas Ehlert