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Dein Wille geschehe

„Dein Wille geschehe“


Sicherlich ist Ihnen nicht entgangen, dass diese Überschrift dem „Vater Unser“ entliehen ist. Sollten sie daraus aber schließen, dass es im Folgenden um die Durchsetzung des göttlichen Willens geht, sind Sie auf dem Holzweg. Es gibt mindestens einen Willen auf dieser Welt, der es, was die Durchsetzungskraft angeht, beinahe mit dem göttlichen Willen aufnehmen kann. Sie glauben mir das nicht? Sie halten mich für einen Spötter?
Ich blende einige Jahre zurück und lade Sie ein, mit uns zu frühstücken.

Samstagmorgen, 8.30 Uhr. Die Sonne scheint, der Kaffee duftet. Der Tisch ist gedecket und alles bereit. Die Familie isst. Jan trinkt Kakao.
„Janni Milch!“ - „Jan schau mal, die Mutti hat dir so einen leckeren Kakao warm gemacht, ganz lecker!“
„Janni Milch!!“ „Willst du denn nicht trinken?“
„Janni Milch!!!“ „Da ist doch Milch drin in dem Kakao!“
„Janni Milch!…!…!…!“ „Jan warte, du bekommst deine Milch.“
Jan bekommt Milch. …
„Janni Tee!“ - „Aber du hast doch Milch.“
„Janni Tee habe, Rabaäää!!! Janni Tee habe!“
Spätestens jetzt scheint der Zeitpunkt für angewandte Pädagogik gekommen zu sein. „Jan“, sage ich, „trink erst die Milch aus, dann bekommst du Tee.“ Jan schiebt die Milch entschlossen von sich weg, gefährlich nah an die Tischkante. Die Gesichtszüge verformen sich zur Kampf- und Trotzstellung.
Ein wortloser Blick zu meiner Frau genügt. Wir haben uns verstanden. Wir versuchen den Trotzangriff durch elterliches Ignorieren zu parieren, gepaart mit dem strategischen Sicherheitszug, die Milchtasse in der Tischmitte zu positionieren. „Deine selbst gemachte Erdbeermarmelade ist dieses Jahr aber wirklich ‚ne Wucht“, versuche ich, eine idyllische Samstag-Morgen-Frühstücks-Unterhaltung in Gang zu bringen.
„Janni Tee habe! Äääähh!“
Na ja, einen Versuch war der Gesprächsansatz wert. Gleichwohl, wir bleiben bei der Ignoranzpädagogik.
„Janni Tee!“ Die Lautstärke überschreitet die 75 Dezibel Grenze.
Ich wage kurz entschlossen einen Appell an die frühkindliche Vernunft.
„Jan“, sage ich, um schlichte Sachlichkeit bemüht, „schau einmal, du wolltest gerade Milch haben, und die Mutti hat dir ganz feine Milch gemacht. Wenn du die Milch nicht austrinken willst, ist doch die Mukuh ganz traurig, die hat doch die Milch extra für den Jan gemacht“.
Mit diesem genialen Verweis auf die bäuerlich-biologische Tragik seines Verhaltens gehen dann aber auch mir die Vernunftsgründe aus.
„Tee, Tee, Tee, Tee!“ – Eine deutliche Tempoverschärfung.
Wo die Vernunft versagt, bleibt noch die List: „Oh, was für ein schönes Vögelchen da auf dem Baum, schau mal!“ Jan liebt Vögel momentan sehr. Direkt nach den Hunden. Aber so einer ließ sich im begrenzten Blickwinkel unseres Küchenfensters gerade nicht auftreiben.
Schon der etwas mürrische Seitenblick ließ mich am Erfolg zweifeln.
„Rabähhh! Teeeh“, wird mein Ablenkungsmanöver bestraft.
„Rabähh, Rabähh!“ Das Heulen wird langsam chronisch.
Ich freue mich auf den Samstagmorgen. Die Brötchen sind frisch, das Ei ist noch warm, der Tisch schön gedeckt, man hat Zeit zur Gemütlichkeit, muss nicht wie unter der Woche das Frühstück runterschlingen wie ein Reiher seine Beute.
„Rabähh, Tee, Janni, Tee!“, holt mich ein nervendes Gezeter in die Wirklichkeit zurück. Der Blick meiner Frau wird flehender. Unsere elterliche Phalanx scheint gebrochen. Aber man darf nicht nachgeben. Die tanzen einem sonst auf den Köpfen herum. Was soll das erst werden, wenn Jan mal 16 ist? Na dann, gute Nacht.
„Es gibt jetzt keinen Tee“, sage ich mit deutlicher, ernster Stimmung, „ein für allemal, es gibt jetzt keinen Tee, trink erst deine Milch aus und dann kannst du deinen Tee haben. Aber vorher nicht!“
Die Resonanz auf meine Rede treibt den letzten Rest von gemütlichem Frühstück aus dem Zimmer. „Teehhh, Rabäähh, Teeh, Rabähh!“
Er kann nicht viele Worte, mein Zweijähriger, aber die kann er. Soll er sie üben. Wehe uns, wenn wir jetzt nachgeben. Jan übt:
„Rabäähh Teehhh, Rabäähh, Teeh, Rabähh!!“
Es ist schrecklich. „Haben wir eigentlich noch Tee im Haus?“, frage ich wie beiläufig. Meine Frau steht auf und stellt den Teekessel auf den Herd. Schlagartig kehrt Stille in unser erschüttertes Haus. Als hätte es nie etwas anderes gegeben. Jan lässt sich sogar herab und schaut seine Milchtasse an.
Sicherheitshalber stelle ich, während meine Frau sich um den Tee für meinen Sohn kümmert, schon mal ein Glas Orangensaft und eine Tasse Bananenshake bereit.
Was tut man nicht alles für die Ruhe bei zwei Brötchen, einem Ei und einer Tasse Kaffee.
Das Wochenende hat begonnen.

(Lukas 11,5-10) Und Jesus sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

(c) Thomas Ehlert