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Befleckt

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Befleckt

Als die Vorzimmerdame mich anlächelte, freundlich, aber eben nicht charmant, wurde ich stutzig. „Bitte nehmen Sie einen Moment Platz, Dr. Dietzelfing hat sofort für Sie Zeit.“ Kaum Platz genommen, konnte ich ohne detektivische Mühe den Grund des merkwürdig schelmischen Lächelns entdecken. Die Fingerabdrücke meines Sohnes in Form von Nussnugat-Creme-Resten auf meiner Anzughose. „Herzlichen Glückwunsch, der neue Job ist dir fast so gut wie sicher. Dr. Dietzelfing wird sicherlich nichts dagegen haben, wenn sein neuer leitender Angestellter die internationale Kundschaft des Unternehmens im Nugatstreifen empfängt.“ Für Spucke drauf und Tempotaschentuch hinterher war es zu spät. Das Vorstellungsgespräch nahm seinen Lauf.
Sicherlich war es im folgenden für den großen Chef am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, dass ich seitlings in sein Büro hineintanzte und ihm - die rechte Hand unauffällig über dem Nussnugatfleck - das linke Pfötchen zur Begrüßung entgegenstreckte.
Letztlich erging’s mir nach dem Motto. Einmal ist keinmal.
Nicht das dies eine Ausnahme wäre. Seit einiger Zeit laufe ich nur noch befleckt durch die Welt. Schokoreste, Erdbeermarmelade, Kreide, Diätmargarine, Gartenerde - all das in größtmöglicher Regelmäßigkeit auf meinen Kleidungsstücken verteilt. Wozu braucht mein Sohn eine Biomülltonne? Er hat doch seinen Vater!
Ergebnis: Dauernd Flecken auf dem Hemd vom Sohnemann, der mir seine Liebe scheinbar nicht anders als durch Abschmieren von Quark-Öl-Teig an der Hose und händchenhaltenwollende Fettfinger auszudrücken vermag. Wenn er um Zuneigung nachsucht, dann garantiert mit dreckigen Händen. Und so laufe ich als Putzlumpen durch die Gegend. Und weiß seitdem, woher die Redeweise: „Ich schmier dir eine" kommt?
Mittlerweile habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, vor wichtigen Terminen unbedingt noch einmal das stille Örtchen zwecks Grundreinigung aufzusuchen. In jeder Anzugtasche sind Taschentuch und zwei verschiedene Fläschchen Fleckenentferner stationiert. Aber meine Brut hat nachgezogen. Wurde am Stillen Örtchen das Teespeiseeis erfolgreich entfernt, so findet sich gewiss noch ein ausgelutschtes Kaugummi am für mich nur schwer einsehbaren Hinterteil meiner Person.
Selbstverständlich ist es schon lange üblich, vor etwaigen Hoppe, Hoppe-Reiterspielen und Ringel-Rangel-Rose-Tänzchen dem Nachwuchs ein Duschbad zu spendieren. Sicher ist sicher! Leider erweist sich dann der Weg zum Badezimmer als besonders gefährlich. Oder es findet sich Shampoo und Haarfestiger in meinen Textilien.
Meine Versuche, auch nur hin- und wieder wie aus dem Ei gepellt in Erscheinung zu treten, habe ich mittlerweile aufgegeben.
Mein Gott ist diesbezüglich mein einziger Trost. Mein Vater im Himmel. Der wird doch auch dauernd befleckt. Der hat doch auch keine weiße Weste mehr. Ich, sein Kind, schmier doch auch den ganzen Dreck, den ich so an den Fingern und am Stecken hab, an ihm ab. Mit jedem Mist, den ich während eines langen Tages so anstelle, schmier ich ihm eine. Und Gott steht in Jesus Schmiere und stirbt schmierig am Kreuz. Befleckt von allen, die ihren Dreck nicht für sich behalten können. Gott wird durch uns befleckt. Und Gott will durch uns befleckt werden. Er will, dass wir uns an ihm reinschmieren. Und er nimmt uns seine Kinder auch dann noch herzlich in den Arm, wenn wir mit schmutzigen Händen angelaufen kommen.
Nur wir, wir sind doch keine Kinder mehr. Wir meinen immer, wir müssten mit uns und mit unserem Dreck alleine fertig werden. Warum eigentlich?

(c) Thomas Ehlert